Am 02. August, eine Woche nach dem Anschlag auf den Christopher Street Day in Berlin sind am Sonntagabend rund 300 Menschen vor dem Ulmer Münster zusammengekommen, um der Opfer zu gedenken. Bei dem Anschlag am 25. Juli wurde ein Mensch getötet, viele weitere wurden zum Teil schwer verletzt.
Nach der Begrüßung durch die Versammlungsleiterin Julia Drozd sprach Vorsitzender Alpay Artun, der am Abend des Anschlags selbst in Berlin war. Er erinnerte daran, was der CSD für viele bedeutet: „der eine Tag im Jahr, an dem man angstfrei sein kann, wer man ist“. Niemand dürfe von einem CSD aus dutzendfach „Ich bin in Sicherheit“ schreiben müssen. Deutliche Worte fand er für die Bundesregierung: In den Statements von Bundeskanzler Merz, Bundestagspräsidentin Klöckner und Innenminister Dobrindt komme das Wort „queer“ nicht ein einziges Mal vor. „Es ist kein Angriff auf alle, es ist ein Angriff auf queere Menschen.“ Und er nahm uns alle in die Pflicht: „Liebe ist stärker als Hass – aber eben nicht von der Couch aus.“

Alisha Denk von der Queer Initiative Ravensburg machte deutlich, dass queerfeindliche Gewalt nicht aus dem Nichts entsteht: „Sie wächst dort, wo Hass verharmlost wird.“ Menschenfeindlichkeit kenne keine Nationalität, keine Hautfarbe und keine Religion – wer die Tat für rassistische Erzählungen missbrauche, missbrauche das Leid der Betroffenen. Ihre Worte zum Mitnehmen: „Unsere Antwort auf Hass ist es, laut zu sein. Unsere Antwort auf Ausgrenzung ist Widerstand. Unsere Antwort auf Angst ist Zusammenhalt.“
Eva-Maria Glathe-Braun (Die Linke) sprach aus der Perspektive einer Mutter – über die Angst der Angehörigen und das Aufatmen, wenn feststeht, dass das eigene Kind in Sicherheit ist. Sie mahnte, den Opfern ein Gesicht zu geben: „Wir reden immer über den Täter – aber wer spricht über die Opfer?“ Und sie forderte, queere Menschen besser zu schützen und deutlich mehr in Prävention zu investieren: „Das Umdenken muss in den Köpfen stattfinden – und das erreichen wir nur mit Präventionsarbeit.“
Zu den bewegendsten Momenten des Abends gehörte die Musik: Spontan aus der Community heraus sangen Jane Oei und Alexandra Kriebisch „True Colors“ von Cyndi Lauper. Anna Hunner-Mekhail (Gesang) und Artjom Ostapenko (Gitarre) trugen „Over the Rainbow“ in der Version von Israel Kamakawiwoʻole vor. In der anschließenden Schweigeminute wurde es still auf dem Münsterplatz – und bis in den Abend hinein unterschrieben Teilnehmer*innen auf der Gedenktafel, legten Blumen nieder und zündeten Kerzen an.
Wir hatten bewusst niemanden offiziell eingeladen – umso mehr wissen wir die Anteilnahme von Oberbürgermeister Martin Ansbacher zu schätzen, der unangekündigt gekommen ist.
Der Abend war einer der Trauer – aber nicht der Ohnmacht. Oder, wie es in einer Rede hieß: „Heute wollen wir wütend sein, traurig und solidarisch. Wir wollen mahnen und erinnern, trauern und trösten. Aber ab morgen sind wir lauter als je zuvor.“
Danke an alle Redner*innen, Musiker*innen, Helfer*innen – und an jede einzelne Person, die gestern Abend mit uns auf dem Platz stand.




